Martynne

Strich Hamburg Hauptbahnhof
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Tagsüber Treffpunkt für Restaurantbesucher — nachts Ort für Drogenkriminalität und illegale Prostitution. Wir haben uns an den Hansaplatz gesetzt und den Hamburger Brennpunkt beobachtet, über den Anwohner, Politiker und Einzelhändler streiten.

Beschreibung

Eigentlich, sagt Rene, ist das doch klar.

16 bis 17 uhr: „wir mögen, dass es hier bunt ist“

Jetzt ist das bestimmt ein Schritt voran. Hofft er. Dieses Mal wirklich eine Bewegung fort von dem Ort, der nun schon zweiundzwanzig lange Jahre sein Leben prägt. Seit er mit elf das erste Mal her kam. Vor ein paar Monaten ist er zuletzt tief abgestürzt. Junkie, sagt Rene, der sich mit Anfang zwanzig seine erste Nadel setzte und seit drei Jahren mit Metadon substituiert wird, ein Junkie bleibt man ja ewig, trotz allem.

Bier natürlich auch, klar. Schier gestaunt hat er zunächst über all die Menschen und Märkte dort, hat bald gelernt, Autos zu knacken und später, sich Spritzen zu setzen. Beschaffung, das übliche, Schecks und Brüche und so, sagt Rene, ich brauchte Geld, jeden Tag neues Geld, bestimmt hundert oder hundertfünfzig.

Fünf Jahre lang war er danach nicht mehr am Bahnhof, eines ist noch auf Bewährung, hat eine Therapie abgebrochen, weil ich da meine Mutter töten sollte, gedanklich, aber ich bin doch der Junkie, nicht sie, und eine zweite erfolgreich durchlaufen. Gestrauchelte und Gescheiterte, ruhelos Brennende oder trostlos Verlorene, entwurzelte Menschen auf der Suche, irgendwo doch noch Anker werfen zu können - Bahnhöfe, jene Orte des Ankommens und Abfahrens, moderne Multifunktionspaläste als Beispiele opulenter Verschwendungssucht und verschwundener Wartesäle, Schnittstellen von Nähe und Ferne, diese Hauptbahnhöfe sind immer auch Orte der Hoffnung, sind Stätten des Trostes unerfüllter Hoffnungen und vergangener Sehnsüchte.

Wo gott zwischen crack und pisse steht

Etliche hundert? Dazu, allemal am Abend, die Freier und Spanner, all die normal Perversen und pervers Normalen. Mehr, deutlich mehr als tausend? Täglich Reisezüge und eintausend S-Bahnen. Der Hamburger Hauptbahnhof ist nicht nur einfach ein Funktionsgebäude.

Halb geschlossene Räume ermöglichen einer modernen Konsumgesellschaft möglichst ungestörten Zugang, um eilige Bedürfnisse rasch zu befriedigen. Zum einfachen Warten laden sie nicht ein. Und doch sind sie der Ort, der Manchen auch Privatheit ersetzt. Manchen Menschen, denen der Bahnhof als Lebensraum und Erlebnisort zugleich dient. Ulrich Hermannes ist Leiter der Hamburger Bahnhofsmission und hat an seiner Bürotür einen Zettel befestigt, in Augenhöhe. Und ein Ort, der sich geradezu aufdränge als klassischer Handelsplatz - viele Kunden, schnelle Geschäfte.

Rene klagt. Montags ist sowieso tote Hose.

Samstags ist gut, oder erst die Tage vor Weihnachten, da sind die Leute dann so richtig bei dir. Rene will weg vom Bahnhof und kehrt doch immer wieder zurück. Die freie Bucht da hinten, zwei Mark vielleicht oder fünfzig Pfennig. Oder nichts.

Der vorher konnte nicht mehr, war ja auch positiv, HIV, ging sowieso nur noch an Krücken. Früher, auf Nadel, da war der Bahnhof schon mal mein Arbeitsplatz, hab gedealt damals, Koks, Heroin, alles. Selbst wenn die nichts zahlen. Er ist zwanzig, seit vier Jahren am Hauptbahnhof und arbeitet jetzt als Stricher.

Winziges hotel am straßenstrich

Viel Geld verdienen wolle er für schöne Klamotten, hofft der Junge, und die drei Mädchen neben ihm auf der Mauer sitzend, zwei 15 Jahre alt und eines 16, lauschen ganz andächtig. Vor ein paar Tagen und Wochen erst kamen sie hierher, aus verschiedenen Richtungen. Freundschaften wünsche sie sich, haucht die eine. Das geht ratzfatz, strahlt eine andere, die ältere, erst lernt man einen kennen, dann kennst du jeden.

Und ein Jähriger, mit Bierdose in der Hand und gleichaltrigem Mädchen im Arm, erklärt ihnen mal eben den Bahnhof, schon ganz schön Macker dabei: Alles voll locker hier, null problemo, für Jungs echt easy, tut er sich mächtig dicke. Das wissen die von Natur aus nicht. Ob man ihr nicht sagen könne, duzt sie dann, wie spät es ist. Der Hauptbahnhof ist kein glatter, kein zarter Ort. Überall Geldverkehr. Ihr Tun ist auch Nachahmung des Konsumverhaltens anderer, bürgerlicher Welten.

Hamit hat nur noch sechs Mark, klagt er, und die Gier nach der nächsten Crack-Pfeife quält ihn nun schon den halben Nachmittag. Heute Mittag ein Freier, später ein zweiter. Zusammen hundert Mark, alles längst schon wieder aufgeraucht. Und hätte vielleicht Ruhe für eine Stunde. Hoffentlich bald ein paar Minuten Ruhe vor der Gier, fleht Hamit. Seit etwa zwei Jahren hat sich der Crack-Konsum in der Hamburger Hauptbahnhofsszene geradezu explosionsartig ausgebreitet. Crack ist ein Kokain-Derivat.

Aus einer Mischung mit Ammoniak wird eine Lauge gekocht, bis nur noch lauter Kristalle übrig bleiben, kleine Krümel. Drogenhilfeeinrichtungen und Polizei schätzen übereinstimmend, dass ungefähr drei Viertel der offenen Drogenszene, vor allem die jungen Abhängigen, Crack zumindest als Beikonsum nutzen. Bis heute sind keinerlei Stoffe bekannt, die zur möglichen Substitution crackkranker Junkies dienen könnten.

„wir nehmen alles mit“

Und die Szene wächst weiter. Manch Junkie hängt zunächst, ohne Schlaf oder Essen über Tage hinweg, an der Pfeife. Hamit bewegt sich wie aufgezogen, sein Motor läuft volllastig. Der Kerl dahinten, schnell einen Bogen dicht um ihn herum schlagen - doch kein neuer Freier, ich dachte schon.

Michi strichert am Hauptbahnhof seit acht Jahren und drückt sich Heroin, ebenfalls seit er 16 ist. So einen, mit dem ich richtig per du sein kann, fügt er an, mit dem ich auch mal reden könnte. Seit zwei Jahren lebt Hamit jedes Wochenende, manchmal auch ein paar Abende zwischendurch, auf dem Bahnhof. Und seit er sich ein Jahr später so unglücklich in Michi verliebte und bald selbst kennen lernte, Freier zu bedienen, um Steine rauchen zu können, fällt es ihm unter der Woche zunehmend schwerer, weiter seinem Job als Werkshelfer nachzugehen.

Seine Eltern, gläubige Moslems, erwarten zudem dringend, dass ihr Sohn ihnen endlich eine Frau vorstellt.

Warum sehe ich cekhargatiket.com nicht?

Und dass ich noch immer keinen Freund habe. Georg die Veränderungen in der Szene seit Aufkommen des Crack-Konsums. Ullrich Frost ist mit seinen Leuten zuständig für das Gebiet zwischen Hauptbahnhof und benachbartem Rotlichtviertel Hansaplatz. Aus den USA berichtete Ängste, wonach Crack bei einem Süchtigen - quasi über Nacht und automatisch - gewalttätiges Alltagsverhalten auslöse, könne man nicht bestätigen. Dennoch beobachtet auch die Polizei, dass innerhalb der Szene die Aggressivität untereinander wächst.

Gut 37 Platzverweise hat Hamburgs Polizei vergangenes Jahr im gesamten Bahnhofsraum St. Georg vermeintlich Zugehörigen der Drogenszene ausgesprochen. Diese Zahlen bleiben seit ein paar Jahren konstant. Ein Platzverweis gilt immer bis zum folgenden Morgen drei Uhr.

Dann setzt es den nächsten, vielleicht schon einen Tag später, womöglich erst ein paar Wochen darauf. Wer kann auch schon noch anders als nur immer wieder zurück, zurück zu Kollegen und Freunden, zu Dealern und Kunden, wenn er kaum erinnert, von wo er einst kam? Diese Menschen interessiert nicht mehr die Frage, warum sie mal herkamen. Ihr Problem ist jetzt viel dringlicher: sie sind einfach da.

Polizeirevier hamburg st. georg: "leben auf dem strich"

So versuchen sie zu leben, versuchen zu überleben in einer Umgebung, wie sie ihnen unwirtlicher kaum sein kann. Sie existieren am Rande und sind doch stets voll im Blick. Rund um die Uhr beobachtet von knapp 70 zumeist schwenk- neig- und zoombaren Videokameras und etlichen Doppelstreifen der Bahnhofsschutzgesellschaft sowie der U- und S-Bahn-Wachen.

Und von zeitgleich bis zu 40 Polizeibeamten, in Zivil oder Uniform, vom BGS und von der Landespolizei. Hamburgs Hauptbahnhofs-Umfeld St. Georg gilt als das Gebiet mit der höchsten Polizeidichte Deutschlands. Es sei ja schon mal ein erster Erfolg, sagt Günter Blümlein, dass die Szene der Junkies inzwischen von einem Ort sogleich zum nächsten vertrieben werde. Und so beklagt er, dass hingegen all die anderen, die Obdachlosen und Alkoholiker, noch nicht weiter zur Seite gedrängt werden konnten.

Alkoholkonsum ist legaler Konsum, und der von der Bahn so dringend gewünschten Überlassung des Hausrechts auch auf den umliegenden Vorplätzen wurde bisher noch nicht entsprochen. Zumindest dem Bezirksamt Hamburg-Mitte kann diese Kritik kaum gelten.

Jüngst erst wurde dort grünes Licht geschaltet für die Pläne der Bahn, Lautsprecher unter die Überdachungen der Vorplätze zu hängen. Voraussichtlich noch ab diesem Jahr wird dann rund um die Uhr klassische Musik zu hören sein.

Obdachlose Alkoholiker bestimmt auch nicht, hofft die Deutsche Bahn AG. Hamit hat nun doch den nächsten Freier gemacht. Auf dem Weg zurück ein schneller Wink zum Dealer. Und dann, endlich, der Konsum, nicht mehr als nur ein paar hastige Momente in einer Telefonzelle, ebenso hektisch wie schon der ganze Tag.

Und Rene? Nächsten Monat, sagt Rene, krieg ich vielleicht richtige Arbeit. Aber Hoffnung hast du hier nie. Peter Brandhorst Wiener Zeitung von

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